Chronisch Müde oder ME/CFS und was nützt bei welcher Störung
Heute möchte ich wieder ein Missverständnis aufklären, das ich in meiner Sprechstunde fast jeden Tag erkläre. Es geht um Erschöpfung. Und genauer gesagt um den Unterschied zwischen „sehr müde sein“ und der Myalgischen Encephalitis dem Chronic Fatigue Syndrom kurz ME/CFS.
Chronische Müdigkeit und Erschöpfung sind die Dinge, die ich in meiner Praxis am häufigsten behandle. Allerdings gibt es diese Erschöpfung in verschiedenen Ausprägungen und sie entspringt dabei völlig unterschiedlichen Ursachen.
Chronische Erschöpfung
Fangen wir mit der Erschöpfung an, die wir alle kennen. Zu wenig Schlaf, Stress im Job, ein Infekt, vielleicht ein Eisenmangel oder eine Schilddrüse, die nicht rund läuft.
Diese Erschöpfung folgt einer Logik. Wer sich ausruht, erholt sich. Und wer sich danach schrittweise wieder bewegt, gewinnt Kraft zurück. Hier sind erst Geduld und danach Bewegung tatsächlich die Lösung.
Und selbst, wenn der Schlaf auch mal über eine ganze Weile nicht wieder zur vollständigen Erholung führt, ist diese Form von Erschöpfung völlig anders angelegt als die Erschöpfung bei ME/CFS.
Die Ursachen für dies Erschöpfungsform sind vielfältig und müssen abgeklärt werden, dazu gleich mehr. Die gute Nachricht ist aber, dass selbst jahrelange Erschöpfung, sofern Sie hauptsächlich von einer Stoffwechselstörung etwas wie bei einer Schilddrüsenunterfunktion, einem Mikro- oder Makronährstoffmangel wie zum Beispiel Eisenmangel, von körperlich gespeichertem Trauma, wie bei der Injury Recall Störung oder durch Glaubenssätze ausgelöst und unterhalten werden, ziemlich lösbare Probleme darstellen.
ME/CFS
Bei echtem ME/CFS ist das aber ungleich schwieriger, denn ME/CFS ist nicht einfach nur eine besonders starke Form von Müdigkeit. ME/CFS ist eine eigenständige, schwere Erkrankung, die aus dem Formenkreis immunologischen Erkrankungen kommt und zu neurologischen und körperlichen Symptomen führt. ME/CFS ist also vor allem eine Immunstörung.
Denn wenn es vereinzelt auch ME/CFS-Erkrankungen gibt, die sich gewissermaßen leise anschleichen und ohne einen Paukenschlag beginnen, gibt es doch viel mehr Erkrankte, die berichten, dass ihr Leiden nach einem Infekt, zum Beispiel nach dem Pfeifferschen Drüsenfieber, also einem Herpesvirus, oder nach COVID begonnen hat. Erst kam der Infekt und in der Folge kam das System dann nicht mehr in seine Ausgangslage zurück.
Eines der Hauptkriterien ist also abgelaufene Infekte, manchmal auch vor Jahren. Noch entscheidender ist als Unterscheidungskriterium zwischen chronischer Erschöpfung und ME/CFS ist meiner Ansicht nach die Post-Belastungs-Erschöpfung bzw. Post-Exertionelle Malaise oder kurz PEM.
Leitsymptom PEM
Post-Exertionelle Malaise beschreibt eine Zustandsverschlechterung nach Belastung.
Das klingt erstmal harmlos, ist es aber nicht. Schon eine kleine Anstrengung kann einen regelrechten Absturz auslösen. Ein Einkauf, ein längeres Telefonat, eine Dusche, manchmal sogar ein emotional belastendes Gespräch.
Das Tückische ist: Dieser Absturz kommt meistens nicht sofort. Er kommt häufig zwölf, vierundzwanzig, manchmal achtundvierzig Stunden später. Und er dauert nicht eine Nacht, sondern Tage oder Wochen. Im schlimmsten Fall bleibt danach eine dauerhafte Verschlechterung.
Meine Patienten nennen das oft den Crash. Bleierne Erschöpfung, Muskelschmerzen, ein grippeähnliches Gefühl, Brainfog und Konzentrationsstörungen und Schlaf, der überhaupt nicht erholt.
Woran können Sie ME/CFS erkennen
Um zu erkennen, ob Sie nicht nur unter chronischer Erschöpfung leiden, sondern unter dem chronischen Erschöpfungssyndrom, stellen Sie sich diese Frage: Wie geht es mir ein bis zwei Tage nach einer Anstrengung?
Wenn Sie nach einem aktiven Tag müde sind und nach ein bis zwei Nächten wieder die gleiche Energie wie zuvor haben, ist das normale Erschöpfung. Das ist schlimm genug, aber für fast alle Arten dieser Erschöpfung gibt es Lösungen.
Wenn Sie aber immer wieder verzögert einbrechen, und zwar völlig unverhältnismäßig zur Belastung, dann ist das ein Warnsignal. Bitte ziehen Sie dafür gerne die Bell-Skala beziehungsweise den Bell-Score heran, um zu bewerten, wo Sie stehen und wie Sie Ihre Gesundheitsstörung angehen sollten.
Wichtig ist dabei eine umfassende Abklärung
Und damit sind wir bei dem Punkt, der mir besonders wichtig ist. ME/CFS hat in meiner Erfahrung selten nur eine einzige Ursache. Meistens sind es mehrere Bausteine, die erst in ihrer Gesamtheit die Erkrankung aufrechterhalten. Und genau deshalb reicht ein kleines Blutbild beim Hausarzt hier nicht aus.
Zu einer umfassenden Abklärung gehören für mich:
– die Nährstoffe, also Mineralstoffe aus dem Vollblut und die Bestimmung der Vitaminspiegel.
– die Eisenwerte, allen voran das Ferritin
– die Schilddrüse, nicht nur der TSH-Wert, sondern auch die freien Hormone und alle Schilddrüsenautoantikörper
– der Entzündungszustand im Sinne der TH1- und TH2-Achse im Körper
– die sogenannten GPCR-Antikörper, also Autoantikörper gegen bestimmte Rezeptoren im Nerven- und Gefäßsystem, die bei einem Teil der Betroffenen erhöht sind
– der Ausschluss von Entzündungsherden, zum Beispiel in der Zahn- und Kieferregion
– Nahrungsmittelunverträglichkeiten
– die Darmfunktion, einschließlich eines Stuhltests, und vergessen Sie dabei nicht die PCR-Untersuchung auf Parasiten
– und die Laboruntersuchungen der häufigen Co- und Begleitinfektionen: viral, bakteriell und parasitär, zum Beispiel Herpesviren, Borrelien, Toxoplasmose, Chlamydien und Ähnliches
Das klingt nach viel, und das ist es auch. Aber es ist notwendig! Denn erst wenn wir wissen, welche Bausteine bei Ihnen beteiligt sind, können wir sie anschließend gezielt und Schritt für Schritt wieder abbauen. Nicht alles auf einmal, sondern einen Baustein nach dem anderen.
Die gleiche Abklärungsliste gilt im Übrigen auch für die ‚normale‘ Chronische Erschöpfung, nur dass es bei normaler Erschöpfung – selbst wenn sie schon seit Jahren besteht – häufig schon ausreicht, an ein oder zwei der Stellschrauben zu drehen. Und vor allem muss man jeden einzelnen Schritt bei ME/CFS viel, viel langsamer gehen.
Der Hauptunterschied beim Abarbeiten der Liste ist aber das Pacing!
Weniger ist mehr: Pacing
Denn wenn Sie an sich Zeichen von ME/CFS feststellen, muss Ihre erste Maßnahme das sogenannte Pacing sein!
Der Unterschied ist, dass bei ‚normaler‘ Erschöpfung die Lösung, um wieder an mehr Energie zu kommen, darin besteht, Stück für Stück wieder mehr Aktivität zu entfalten und vorsichtig aber stetig zu steigern.
Bei ME/CFS kann genau das schaden. Vor dem Versuch, eine Trainingstherapie stufenweise zu steigern, kann ich bei ME/CFS nur warnen!
Bei ME/CFS geht es gerade nicht darum, sich durchzubeißen. Das Mittel der Wahl heißt Pacing. Das bedeutet, die Geschwindigkeit von praktisch allem im Leben an die individuell verträgliche Dosis anzupassen: die eigene Energie wie ein Budget einteilen, unter der persönlichen Belastungsgrenze bleiben und Pausen machen, bevor die Erschöpfung kommt. Nicht durchziehen, sondern rechtzeitig aufhören, um das autonome Nervensystem in Sicherheit zu wiegen.
Das autonome Nervensystem beruhigen
Um ME/CFS zu verstehen, ist es notwendig zu erkennen, dass es nicht vor allem die mangelnde Zellenergie ist, die eine PEM auslösen kann, denn sonst wäre es ja völlig unlogisch, dass der Crash oft erst ein bis drei Tage nach der eigentlichen Belastung kommt.
Die PEM ist eine Schutzfunktion, mit der der Organismus sich vor Belastungen schützen will, die das autonome Nervensystem für gefährlich hält.
Die Rolle des autonomen Nervensystems
Das autonome Nervensystem, also das Wechselspiel von aktivierendem Sympathikus und beruhigendem Parasympathikus, versucht herauszufinden, wie der Körper am besten in Sicherheit gehalten werden kann. Das geht vor allem durch die eher Sympathikus-gesteuerte Flucht- und Kampfreaktion, aber auch über die eher Parasympathikus-gesteuerte Totstellreaktion. Wenn Flüchten und Kämpfen nicht mehr möglich ist, aktiviert der Parasympathikus, genauer gesagt, der dorsale Vagusanteil, die Totstellreaktion, und das erzeugt die PEM, in der alle nicht überlebenswichtigen Funktionen vorübergehend eingestellt werden.
Weitere Möglichkeiten neben Pacing
Auch wenn Pacing vielleicht das Vordringlichste überhaupt ist, ist es daneben auch wichtig für das Autonome Nervensystem, als Patient handlungsfähig zu bleiben und seine Erkrankung selbst beeinflussen zu können. Daher sollten Sie auch Möglichkeiten nutzen, die Sie selbst beeinflussen können.
Und bitte verstehen Sie das Folgende nicht als individuellen Therapieratschlag, sondern nur als eine Möglichkeit, die sich in ähnlich gelagerten Fällen bewährt hat.
In solchen Fällen haben sich zwei einfache Massnahmen bewährt, die unterstützen, dass das Autonome Nervensystem wieder zur Sicherheit zurückfindet.
– Zum einen das Tapping, das ich schon in anderen Videos immer wieder erwähnt habe.
Die Anleitung gibt es als Buch ‚Bitte klopfen‘ von Dr. Michael Bohne mit Bedienungsanleitung und Erklärung, wie und warum es funktioniert oder als reines, 4-minütiges Mitmachvideo von Ulf Sandström, von dem es vor allem eine sehr ruhige Variante gibt, die auch für ME/CFS Erkrankte geeignet ist
– und zum anderen gibt es die Möglichkeit die Ecomeditations von Dawson Church zur Beruhigung des Nervensystems zu nutzen.
Dabei wird über Klopfen, Atemtechnik, ruhige Musik und eine geführte Meditation mit positiven Affirmationen die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus günstig beeinflusst und das ganze in sehr umsetzbaren 12-15 Minuten täglich.
Takeaway
Das Takeaway ist also: Nicht jede Erschöpfung ist gleich. Normale Erschöpfung bessert sich erst durch Ruhe und dann durch Bewegung. ME/CFS erkennen Sie an PEM, dem verzögerten Crash nach Belastung.
Bei beiden Erkrankungsformen ist eine umfassende Abklärung ist die Grundlage, um die einzelnen Bausteine gezielt abzubauen und Verbesserung zu erzielen.
Wenn Sie sich wiedererkennen, führen Sie ein Tagebuch über Belastung und Befinden und sprechen Sie mit jemandem der oder die sich mit ME/CFS auskennt. Und wenn Sie jemanden kennen, der oder die daran verzweifelt ständig gesagt zu bekommen: „Reiß dich zusammen“, dann teilen Sie diesen Beitrag gern.




